Die Situation der Selbstständigen und FreelancerInnen im Jahr 2020: Interview mit Sebastian Krüger

2020 ist ein Jahr der Umbrüche, und während die Unternehmen beginnen, die Vorteile zu verstehen und zu begreifen, was ein remotes, bedarfsorientierte Team erreichen kann, sehen wir auch Chancen für Fachkräfte, die sich in schwierigen Situationen befinden.

FreelancerInnen, Remote Workers, Solopreneurs, die Gig-Ökonomie, KleinstunternehmerInnen – wie auch immer du sie nennen willst: Diese Menschen sind eine treibende Kraft und treiben eine stille Beschäftigungsrevolution in der EU (und der Welt) an […] und sind mit einem Zuwachs von 45% seit 2000 das am schnellsten wachsende Segment des EU-Arbeitsmarktes.

Wir haben uns mit Sebastian Krüger, einem Mitglied unserer Talent Garden Community, zusammengesetzt, um die Rolle der FreelancerInnen und der selbstständigen Arbeitskräfte im Jahr 2020 zu untersuchen und zu erörtern, warum Startups und Unternehmen diesem wertvollen und vielfältigen Arbeitskräftepool Aufmerksamkeit schenken müssen.

 

Sebastian, kannst du uns etwas über dich erzählen? Was machst du genau?

Also, ich bin freiberuflicher Unternehmensberater. Es ist ein sehr vager Begriff, den ich wirklich nicht gerne verwende, daher konzentriere ich mich lieber auf meine Tätigkeit: Ich helfe Unternehmen beim Aufbau starker Beziehungen. Sprich, Verkaufs- und Account-Management-Strategien zu entwickeln, aber auch direkt mit den Accounts meiner KundInnen zu arbeiten.

Ich bin in diesen Bereich eingestiegen, weil ich schon immer ein großes Interesse am Unternehmertum hatte und es liebe, mich mit kreativen DenkerInnen und DraufgängerInnen zu umgeben. Ich finde, dass das Vertriebs- und Account-Management dieser wunderbare Dreh- und Angelpunkt zwischen Analytik und zwischenmenschlicher Kommunikation ist. Irgendwie konzentriert man sich immer auf die Zahlen und die Ergebnisse, aber man wird diese Ziele nie erreichen, wenn man nicht in der Lage ist, authentisches und dauerhaftes Vertrauen bei denjenigen aufzubauen, mit denen man zusammenarbeitet. 

Meine KundInnen sind hauptsächlich Tech-Startups, was für mich ein großartig ist, da ich Teil vieler verschiedener Startup-Communities wie Google for Startups, IE Venture Lab und Talent Garden Rainmaking bin. Ich liebe dieses Ökosystem, in dem Menschen neugierig und ehrgeizig sind, neue Lösungen für alle möglichen Probleme zu finden. Diese Art von Communities haben mich überhaupt erst realisieren lassen, dass Vertrieb und Account-Management Bereiche sind, in denen ich erfolgreich sein kann. Meine allererste Aufgabe im Bereich „Geschäftsentwicklung“ bestand darin, TeilnehmerInnen für einen Startup-Wettbewerb zu gewinnen, den wir Startup Battle of the Cities (IdeaLab) nannten. Dabei wurde mir klar, wie einfach es sein kann, selbst große Player in der Startup-Community zusammenzubringen – vorausgesetzt, man schafft die richtige Umgebung.

 

Wie ist die aktuelle Situation der FreelancerInnen und Selbstständigen im Jahr 2020?

Die Pandemie hat hier einen Trend beschleunigt, der schon seit geraumer Zeit im Gange ist. Die Unternehmen bieten den ArbeitnehmerInnen immer mehr Flexibilität an, und einige beschließen sogar, komplett aus Büros auszuziehen und entscheiden sich für eine vollständige “Remote Organisation”.

In den letzten zwei Jahren habe ich für ein Unternehmen namens marketgoo gearbeitet, die Hosting-Unternehmen (Bluehost, HostGator usw.) mit Do-it-yourself-SEO-Tools versorgt, die sie an ihre KundInnen weiterverkaufen. Marketgoo ist ein komplett remotes Unternehmen mit einem über die ganze Welt verteilten Team. Das war sehr vorteilhaft für die Organisation, um Skills und Talente zu akquirieren und auch zu halten, aber in letzter Zeit ist ein weiterer sehr interessanter Vorteil dieser Struktur deutlich geworden: das Verständnis für AnwenderInnen ihres Produkts.

Lange Zeit waren die End UserInnen von Do-it-yourself-Marketinginstrumenten immer kleine Unternehmen, wie Cafés, Friseurläden und andere Unternehmen, die ihre Online-Präsenz verbessern wollten, ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen. Als die Pandemie zuschlug, herrschte große Ungewissheit darüber, wie sie sich auf das Geschäft für marketgoo auswirken würde. Einerseits könnten die weltweit verhängten Sperren zu einer hohen Fluktuation führen, da die Unternehmen schließen mussten; andererseits könnte dies aber auch bedeuten, dass mehr Unternehmen den Schritt zum Online-Business wagen, was zu höheren Umsätzen führen würde. Am Ende stellte sich heraus, dass sich die Pandemie zwar sehr positiv auf das Geschäft auswirkt, aber aus einem ganz anderen Grund:

Da immer mehr Menschen entweder ihren Arbeitsplatz verloren oder zumindest eine erhöhte Unsicherheit über ihre Arbeitsplatzsicherheit verspürten, begannen viele nach anderen Optionen zu suchen, bei denen sie mehr Kontrolle über die eigene Situation haben. Der CEO von GoDaddy, Aman Bhutani, hat viel über diese Bewegung gesprochen, da sie während der Pandemie ein großes Wachstum erlebt hat, und er bezeichnet diese Personen als MikrounternehmerInnen.

Mir gefällt diese Definition, da sie nicht nur FreelancerInnen umfasst, sondern jedes Unternehmen, das von nicht mehr als 1-3 Personen betrieben wird. Diese MikrounternehmerInnen haben aufgrund ihrer geringen Größe in unsicheren Zeiten einen großen Vorteil, weil sie sich sehr schnell an Veränderungen anpassen können. Sie können ihr Geschäftsmodell innerhalb weniger Tage ändern, und da sie hinsichtlich ihres Einkommens von ihrem Unternehmen abhängig sind, haben sie nicht die Möglichkeit, das Unternehmen einfach zu schließen.

Meiner Meinung nach sind FreelancerInnen großartige Beispiele für Kleinstunternehmen, da sie neue kreative Wege finden, wie sie ihre Fähigkeiten in anderen Bereichen einsetzen können. Erst letzte Woche erfuhr ich, dass eine Freundin von mir, die leider ihren Job als Illustratorin für eine Videospielfirma wegen der Pandemie verloren hatte, begonnen hat, private Aufträge für Illustrationen auf Reddit anzunehmen. Während sie also auf der Suche nach neuen Jobmöglichkeiten ist, kann sie immer noch jeden Tag weiter zeichnen UND sie hat immer noch ein Einkommen. 

 

Warum spielen deiner Meinung nach FreelancerInnen und Remote Workers eine wichtige Rolle für Startups und Unternehmen?

Es gibt viele verschiedene Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, wie Kosteneffizienz, Flexibilität und natürlich Widerstand in schwierigen Zeiten. Ich glaube jedoch, dass es einen Faktor gibt, der nicht oft genug diskutiert wird, und das ist das Gleichgewicht zwischen Fachwissen und Kreativität. Jede neue Idee besteht aus der Kombination von zwei oder mehr alten Ideen, und der Erfolg dieser Idee hängt davon ab, wie gut sie ein Problem löst oder einen Mehrwert schafft.

Je vielfältiger man ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man neue, wertvolle Ideen-Kombinationen findet, aber es gibt oft einen Kompromiss, denn um diese Ideen umsetzen zu können, braucht man ExpertInnen – also Leute, die sich auf einen bestimmten Bereich konzentrieren, in dem sie die Expertise erlangt haben.

Was ich an der Freelance-Tätigkeit  interessant finde, ist, dass man besser in der Lage ist, sowohl die Vielfalt als auch das Fachwissen zu nutzen. Ein/e FreelancerIn ist oft ein/e ExpertIn auf einem bestimmten Gebiet, aber sie/er arbeitet mit einer Vielzahl von Unternehmen zusammen und wird daher auch eine vielfältigere Sichtweise haben. Wenn du mit FreelancerInnenn arbeitest, lernst du indirekt von anderen Unternehmen und manchmal sogar von der Konkurrenz, und das kann dir definitiv einen Vorteil bei der Entwicklung neuer und innovativer Lösungen verschaffen.

 

Kannst du uns mehr über Freelance-Vorteile erzählen?

Das Freie als Freiberufler ist es, was mich diese Art der Arbeit lieben lässt. Ich schätze meine Kreativität sehr, aber ich habe festgestellt, dass sie nicht immer die meist geschätzte Eigenschaft ist, wenn ich im Verkauf und Account Management für größere Organisationen arbeite. Hier liegt der Schwerpunkt auf Zahlen. Ich liebe die Arbeit, die ich tue, aber es ist nicht das Einzige, was ich liebe – ich bin meist so, dass ich “immer alles machen will“. Zum Beispiel, als ich mich für ein Studium entscheiden musste, schwankte ich zwischen Wirtschaft und Glasbläserei – und ich entschied mich für das Wirtschaftsstudium, weil ich dachte, dass ich immer noch eine Glasbläserei gründen könnte, wenn es wirklich das ist, was ich will (war es letztendlich nicht). 

Da ich freiberuflich tätig bin, habe ich so viel mehr Möglichkeiten, meine Karriere voranzutreiben. Ich kann gleichzeitig bei einem Videospiel-Startup und einem SaaS-Unternehmen arbeiten, und es ist diese Vielfalt, die es mir ermöglicht, meine Interessen weiter zu entdecken und vor allem meine eigene Kreativität zu fördern. 

 

Und was sind Vorteile für FreelancerInnen in einem Coworking Space? Kannst du uns verraten, was du an Talent Garden liebst?

Ich bin am 1. Januar 2020 von Madrid nach Kopenhagen gezogen, was, rückblickend betrachtet, kein besserer Zeitpunkt hätte sein können. Als Freelancer habe ich den Vorteil, dass ich arbeiten kann, wo immer ich will, aber genau wie alles andere hat auch das seine Nachteile. Ich bin ein sehr geselliger Mensch, und obwohl ich auch gerne Zeit allein verbringe, kann ich es nicht ertragen, länger als ein paar Tage in meinem Wohnzimmer zu sitzen. Cafes und andere öffentliche Räume können großartig sein, um dem entgegenzuwirken, aber dort ist es immer noch schwierig, neue Leute kennen zu lernen. Abgesehen davon, dass ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich einen Tisch für 5 Stunden zum Preis einer Tasse Kaffee nutze.

Coworking Spaces sind daher eine fantastische Lösung dafür, und in dem Moment als die Lockdowns gelockert wurden, suchte ich nach einem Ort, an dem ich “normal” bleiben konnte. Talent Garden Rainmaking war der erste Space, den ich mir anschaute, und nachdem ich mit dem Team hier gesprochen habe, endete es damit, dass ich die restlichen Touren abgesagt habe – und zwar aus einem wichtigen Grund: Community. 

Hier bekomme ich meinen eigenen Space, Zugang zu Besprechungsräumen, Kaffee und ich treffe ständig neue, gleichgesinnte Leute, die mich inspirieren. Es ist, als ob ich das Beste aus zwei Welten bekomme: die Freiheit, freiberuflich tätig zu sein, und den Gemeinschaftssinn, einen Arbeitsplatz zu teilen.

 

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FreelancerInnen in Europa sind eine unglaublich vielfältige, gebildete und spezialisierte Gruppe von Fachleuten, die in verschiedenen Bereichen tätig sind. Unterstützt wurde ihr Aufschwung nicht nur durch die Fortschritte der Technologie, sondern vor allem auch durch die (digitalen) Skills, die sie anbieten. So gaben in dieser Umfrage immerhin 30,9% der TeilnehmerInnen an, dass sie in der Kategorie „Marketing und Kommunikation“ tätig sind. Die zweitgrößte Gruppe mit 26,5% sind  in der Kategorie” IT/Technik angesiedelt. Die meisten FreelancerInnen schätzen Lifelong Learning sehr; sie haben die Möglichkeit, sich immer weiter zu qualifizieren und Fachkenntnisse zu erwerben, die in den Unternehmen stark benötigt werden, wie die digitale Kompetenzlücke. Fähigkeiten wie UX Design, Growth Hacking, Data Analysis, Digital Marketing, Projektmanagement und Coding sind alles sehr gefragte Skills, die FreelancerInnen anbieten können.

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